Über das Werkgymnasium

Man kommt nicht so ohne weiteres nach Heidenheim. Es ist kein Touristenort, kein Verkehrsknotenpunkt, kein kulturelles Mekka - eine ostschwäbische Industriestadt. Keine dramatische Landschaft, keine dramatische Architektur: ein normales, freilich sehr gepflegtes Städtchen; wir sind in Schwaben. Voith und Siemens sind die großen Arbeit- und Steuergeber; ihre industriöse Geschäftigkeit hat auch die Haltungen der Bürger nachhaltig geprägt.

Es ist kein Zufall, dass gerade hier in den sechziger Jahren ein ,,Werkgymnasium" geplant und Anfang der siebziger gegründet worden ist.

Der reformpädagogische Ansatz: Arbeitsschule:

,,Werkgymnasium" - der Name ist Programm, und das in mindestens drei Hinsichten:

  • "Werken", im Sinne von Handwerken, bildete von Anfang an einen wesentlichen Teil des Schulkonzepts;
  • "Werken", im Sinne der Arbeit an einem Werk oder einem Produkt, zeigt die methodische Orientierung an Projektkonzepten;
  • "Werk", - das bedeutet auch Arbeits- und Berufswelt: die Schule als ein "Werk", in dem gearbeitet wird - auf andere Weise zwar als in anderen Werken, aber doch auch auf sie bezogen. Ein ,,realistischer" Bildungsgang also, mit viel Technik, Ökonomie, Naturwissenschaften, orientiert eher an künftigen Ingenieuren als an künftigen Germanisten oder Theologen. Diese Schule hat sich von Anfang an als "Werkstatt" verstanden.

Am Ursprung des Werkgymnasiums stand die Idee einer weitgehenden Integration von Allgemein- und Berufsbildung: und zwar nicht etwa erst in der Sekundarstufe II, sondern von Anfang an und durchgängig, von der fünften bis zur dreizehnten Klasse. Ziel sollte es sein, möglichst viele Schüler zu Doppelqualifikationen, zu Fachhochschul- oder allgemeiner Hochschulreife verbunden mit einem gleichzeitigen Berufsausbildungsabschluß also, zu führen. Damit sollte gleichzeitig eine neue, zeitge- mäße Form der Allgemeinbildung gefunden werden.
Es waren nicht GEW- oder SPD-Zirkel, die dieses Ziel aufgestellt hatten; es war vielmehr ein hochrangiger Industrie-Manager, seines Zeichens Direktor für das Personal- und Sozialwesen in der Firma Voith, der Erfahrungen aus der Lehrlingsausbildung, aus der Waldorf-Pädagogik und aus dem ,,Ettlinger Kreis" in einen ersten Entwurf für eine Schule neuen Typs einfließen ließ und der damit nicht nur in Heidenheim, sondern auch in Stuttgart offene Ohren fand - in den sechziger Jahren war vieles möglich...
Aber natürlich gibt es bis heute in Heidenheim keine formelle Doppelqualifikation. Wie bei Reform- prozessen üblich, ist etwas ziemlich anderes als das ursprünglich Geplante und Gedachte heraus- gekommen - ein mathematisch-naturwissenschaftliches ,,Werkgymnasium" eben, nun mit stärkerer Betonung auf Gymnasium, das, wie andere Gymnasien auch, zum Abitur führt, das aber doch, anders als andere Gymnasien, nicht auf einer bloß kognitiven Konzeption von Allgemein- bildung beruht, sondern auf einer Mixtur von gymnasialen, berufsbildenden und sozialpädagogischen Elementen, in bewusster Anknüpfung an reformpädagogische Traditionen. Das Kernstück des Integrationskonzepts dieses Ganztagesgymnasiums bilden dabei bis heute die berufs- und praxis- orientierten Profilbereiche.

Das Konzept der Praktischen Kurse:

Das Werkgymnasium ist zunächst ein Gymnasium mathematisch-naturwissenschaftlichen Typs. Das gymnasiale Curriculum wird indessen für alle Schüler um vier bzw. fünf Wochenstunden erweitert, die ,,Praktischen Kurse". Sie sollen dazu dienen, eine ganzheitliche Entwicklung der Kinder zu ermöglichen, also alle Begabungen zu fördern, auch die, die auf praktische Fähigkeiten zielen, und nicht nur auf theoretisch-symbolische.
Es gibt drei (auf große Berufsfelder bezogene) Ausrichtung der Kurse:

In den Klassen 5 und 6 stehen vier Wochenstunden für den ,,Praktischen Grundkurs" zur Verfügung. Hier sollen die Grundlagen für das spätere differenzierte Kursangebot gelegt werden. Die Ent- wicklung manueller Fertigkeiten steht im Mittelpunkt des projektbezogenen praktischen Unterrichts, der zugleich eine Einführung in die Themenbereiche der späteren Profilkurse gibt. Hier werden bereits bestimmte Prinzipien der Kursarbeit deutlich: Das Curriculum ist als ,,Spiral-Curriculum'' angelegt; die Unterrichtseinheiten und Inhalte liegen dementsprechend weitgehend fest, wenn auch mancherlei Spielräume gegeben sind. Anders gesprochen: Es gibt einen verbindlichen, von der Schule entwickelten und durch das Ministerium genehmigten Lehrplan für die Praktischen Kurse.
Im Durchgang durch die Klassen 5 und 6, im ,,Praktischen Grundkurs" also, bedeutet das folgende Abfolge von Projekten:

5. Klasse Stunden
Heißluftballon 24
Wasser/Umweltschutz 24
Wasserfarben 32
Drucktechniken 16
Puppenspiele fächerübergreifend 48
6. Klasse Stunden
Grafischer Grundkurs 24
Drucktechniken 24
Kinderbuch -fächerübergreifend 24
Kinderspielzeug 48
Fliegen/Segelflugleiter 24











Nur ein Beispiel: Beim Kinderbuch-Projekt schreiben alle Kinder im Deutsch-Unterricht eigene Texte, Fabeln, Märchen, Problemgeschichten. Im Praktischen Grundkurs werden zunächst geometrische Grundbegriffe (rechter Winkel, Parallele, Quadrat und Rechteck) geklärt - die muss man nämlich beherrschen, wenn man ein Buch herstellen will. Außerdem wird bei einer ,,Materialerkundung" geprüft, welches Papier sich am besten für das Vorhaben eignet. Dann lernen die Schüler die Gestaltung verschiedener Schriften kennen. Ein Kinderbuch lebt freilich vom Zusammenspiel von Bild und Wort; es muss also künstlerisch ausgestaltet werden. Die Kinder werden dementsprechend in verschiedene Techniken eingeführt, zwischen denen sie dann für ihren Bildbeitrag zum Buch wählen können: Wasserfarben, Wachsfarben, Holzfarben, Zeichnungen mit Feder oder Bleistift, Collage, Kartoffeldruck oder Linoldruck.
Wenn die einzelnen Seiten vorliegen, müssen die Bücher (mit Pappe und Buchbinderleinwand) gebunden und die Einbände gestaltet werden. Bücher brauchen auch Publikum und nicht nur Autoren: Zum Abschluss des Projekts werden daher die am besten gelungenen Bücher in einer Grundschulklasse vorgelesen; natürlich müssen dann die Autoren auch die Fragen ihrer Zuhörer beantworten.
Die siebte Klasse dient der Vorbereitung der endgültigen Kurswahl. Das Schuljahr wird in Trimester geteilt; für jeden Kurs steht ein Trimester zur Verfügung. Im Mittelpunkt des technisch-ingenieur- wissenschaftlichen Kurses (A) steht das Projekt ,,Holzkoffer"; der naturwissenschaftlich- experimentelle Kurs bietet zwei biologische (Eulengewölle, Moose), ein chemisches (Stoffe rund ums Auto) und zwei physikalische Projekte (Stromkreise, Bau einer einfachen Kamera); im Kurs Medientechnik und Gestaltung (C) geht es um die Themen Verpackung, Emailleschmuck und Keramikrelief. Am Ende der siebten Klasse steht dann die Kurswahl, und damit die wohl wichtigste Entscheidung für die nächsten sechs Jahre.
Sechs Jahre mit je 4 oder 5 Wochenstunden in einem Praktischen Kurs, der bereits auf drei Jahre ,,integrierte Vorbereitung" aufbauen kann - das entspricht zeitlich mindestens dem Umfang eines ,,Hauptfaches". Da die Praktischen Kurse den Kern des Heidenheimer Schulkonzepts ausmachen, wundert es nicht, wenn sich die Aufmerksamkeit der Schüler, aber auch der Lehrer und Eltern, vor allem auf das konzentriert, was hier geschieht - und das, obwohl die Praktischen Kurse in den Klassen 5-11 nicht als Hauptfach, sondern nur als Nebenfach zählen, und in der Studienstufe auch lediglich den Status von ,,Pflichtgrundkursen" haben, deren Ergebnisse im Abitur verrechnet werden können.

Erfahrungen:

Man sieht es der Schule an, dass hier der Praxis besondere Aufmerksamkeit gilt. Auf dem Schulgelände finden sich zahlreiche interessante, von Schülern sorgsam gepflegte und beobachtete Biotope; die Schule selber, eines der seltenen Beispiele einer rundum geglückten Stahl-, Beton-, Holz- und Glasarchitektur, ist zugleich Ausstellungsraum, lebendiges Museum früherer und gegenwärtiger Arbeit. Es gibt immer wieder Überraschungen. Es spricht für das Schulklima, dass die sonst so häufigen Zerstörungen nur sehr selten vorkommen; die Schule wirkt angenehm gepflegt. Man kann auch daran einiges über die hier praktizierte Pädagogik erkennen. Sie schließt z. B. das ,,Wiedergutmachungsprinzip" ein wenn Schüler aus Übermut oder aus Versehen etwas (eine Klinke, einen Tisch, ein Gerät .. .) kaputtgemacht haben, so werden sie entweder persönlich die Reparatur vornehmen oder sich doch zumindest nach Kräften an ihr beteiligen; das ist für jeden einsichtig und im Effekt nicht nur außerordentlich ,,materialschonend", sondern auch in einem guten Sinne erziehlich.
,,Werkarbeit" - das bedeutete in der zehnjährigen Schulversuchsphase (1971 bis 1981) nicht zuletzt die Verzahnung der schulischen Ausbildung mit der Lehrlingsausbildung für die Neunt- und Zehntklässler. Das wird heute nicht mehr gemacht. Diese konsequente Verzahnung mit der unmittelbaren betrieblichen Praxis in der Lehrlingsausbildung der Firma Voith musste aufgegeben werden. Statt dessen hat die Arbeit an öffentlich, auch politisch relevanten Themen ein stärkeres Gewicht bekommen. Einige Beispiele:

  • Seit einigen Jahren bildet das Thema ,,Wasserqualität" ein Zentrum der Projektarbeit im naturwissenschaftlich-experimentellen Kurs der Oberstufe. Regelmäßig wird in Zusammenarbeit mit der Stadt Heidenheim und dem zuständigen Wasserwirtschaftsamt die Wasserqualität der Brenz untersucht. Exakte Messreihen liegen vor. Die von den Schülern erarbeiteten Untersuchungsergebnisse werden von der Landesanstalt für Umwelt überprüft. Bisher sind sie immer bestätigt worden. Es ist in der Region bekannt, dass das Wasser der Brenz regelmäßig untersucht wird - den Effekt kann man sich leicht ausmalen: hier muss jeder, der heimlich Schadstoffe einleiten will, damit rechnen, in kürzester Zeit erwischt zu werden.
    Inzwischen werden auf Vorschlag der Schüler Trinkwasseruntersuchungen durchgeführt. Der Umfang dieser Untersuchungen übersteigt bei weitem das, was die Apotheken bei Trinkwasseruntersuchungen für ihre Kunden anbieten. Auch bei diesem Teilprojekt ist die Kooperation mit den Heidenheimer Stadtwerken wichtig.
    Ein neues Feld, das die Schüler für sich ,,erobern" wollen, ist die Untersuchung von Klärschlamm. Damit sie die Zuverlässigkeit dieser für sie noch unbekannten Arbeit selbst kontrollieren können, versorgt die Schule sie auch mit den amtlichen, d. h. von einem professionellen Labor erstellten Analyseergebnissen.
  • Es ist selbstverständlich, dass die Informatik zunehmend eine wesentliche Rolle spielt. Kennzeichnend für Heidenheim ist dabei allerdings, dass hier nicht nur ,,im Trockenkurs" gelehrt und gelernt wird, sondern von vornherein anwendungsbezogen: In der hauseigenen Wetterstation werden die Daten zum örtlichen Wetterablauf kontinuierlich aufgezeichnet und nach verschiedener Gesichtspunkten verarbeitet. Die über Funk ausgestrahlten Wettermeldungen aus dem gesamten europäischen Raum werden empfangen und mit Hilfe eine von einem Schüler erstellten Computerprogramms gespeichert und sortiert, so dass man zusammen mit den örtlichen Daten eine aktuelle Wetterkarte anfertigen kann. Diese Daten, die bei dieser Arbeit erhoben und ausgewertet werden. sind dann eben keine reinen Übungs- daten, sondern haben einen realen Bezug. Wetterprognose, vor allem regionale, ist sicher ein aktuelles Thema, und die Klimaentwicklung eines der ,,heißesten Eisen", um die man sich zur Zeit kümmern kann. Auch für diese Arbeit sind die Kontakte mit den professionellen Instituten unverzichtbar.
  • Ein drittes Beispiel, ebenfalls aus jüngster Zeit: ein Projekt der Integration Behinderter. Ein Vierteljahr lang baute eine sechste Klasse des Werkgymnasiums im Praktischen Grundkurs mit sechs Kindern einer Sonderschulklasse für Geistigbehinderte Holzpuzzles mit Tiermotiven. Je zwei nicht behinderte Kinder arbeiteten mit einem behinderten Kind zusammen. Die anfänglichen Unsicherheiten und Vorurteile der Werkgymnasiasten verloren sich freilich in dem Maße, in dem man einander kennenlernte. Die Kinder fanden soviel Gefallen aneinander, dass wechselseitige Faschingsbesuche und ein Winterwandertag für alle ein großes Erlebnis wurden. Nach diesen guten Erfahrungen war es konsequent, das Projekt mit einem gemeinsamen Schuljahresausflug und einem Zeltlager abzuschließen. Insgesamt war dieses Unternehmen so ermutigend, dass es im nächsten Schuljahr wiederholt und eventuell sogar zu einer dauerhaften Einrichtung entwickelt werden soll. Für dieses Kooperationsprojekt wurde natürlich ,,Hilfe von außen" benötigt: Der Fachbereich Sonderpädagogik der PH Reutlingen und die Stiftung für Bildung und Behindertenförderung in Stuttgart waren wichtige Berater und Förderer. Es gibt viele solcher Beispiele am Werkgymnasium; die Schule ist in der Entdeckung, im Aufspüren und auch im Anpacken wichtiger Themen praktischen Lernens sehr erfolgreich. Die Beispiele zeigen zugleich ein wichtiges Prinzip, dem die Schule wohl auch ihre breite Anerkennung (nicht nur, aber auch) am Ort verdankt: Hier wird hart, mit möglichst auch wissenschaftlich abgesicherten Methoden, an ungeklärten Fragen und an brennenden Problemen gearbeitet. Dabei wird die Kooperation mit einschlägigen Fachleuten aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis gesucht; gleichzeitig werden die gewonnenen Ergebnisse und Erfahrungen systematisch (z. B. durch Presseveröffentlichungen) in der regionalen Öffentlichkeit bekannt gemacht. Dass die Erfahrungen des Werkgymnasiums in der bildungspolitischen und pädagogischen Diskussion im ganzen so wenig präsent sind, ist eigentlich ein Skandal. Diese Schule, die einen sehr weitgehenden pädagogischen Reformansatz entwickelt hat - vielleicht den pädagogisch weitestgehenden im Bereich des normalen öffentlichen Schulwesens außerhalb der Gesamtschulen -, blüht weitgehend im Verborgenen. Es hat keine umfassende wissenschaftliche Begleituntersuchung, geschweige denn eine systematische Auswertung unter Übertragungsgesichtspunkten gegeben. Es wäre an der Zeit, die Wechselbeziehungen zwischen praktischem Lernen und der Arbeit in den klassischen Gymnasialfächern zu untersuchen. Wenn es denn stimmt, dass das Gymnasium als Schultyp der Sieger der Bildungsexpansion ist, und wenn es denn stimmt, daß es dann, als ,,höhere Volksschule" *) nicht mehr einfach ,,Gymnasium" bleiben kann, dann wird es wohl auch neue Formen, neue Themen, neue Ansätze suchen müssen. Mit Projektwochen, mit Arbeitsgemeinschaften, mit der Ausweitung kultureller Angebote allein lässt sich die notwendige Entwicklung sicher nicht bestreiten - mit dem, was in Heidenheim seit Jahren praktiziert wird, schon eher.

*) Vgl. dazu Liebau, E.: Praktisches Lernen auch im Gymnasium? In: Die Deutsche Schule 6/1984, S. 433-437

Sonntag, 05. September 2010 01:24 Uhr
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